Zwischen Ankommen und Warten
Manchmal geht es beim Zu-spät-Kommen gar nicht um Minuten, sondern um das Gefühl, das zurückbleibt. Um den Moment, in dem man schon da ist, wartet und merkt, wie still Zeit werden kann.
Man ist schon da. Der Platz ist frei, der Kaffee steht vor einem, vielleicht dampft er noch. Die Tür geht auf und zu, nur nicht für den Menschen, auf den man wartet. Und dann beginnt sie, diese kleine Zwischenzeit, die niemand bestellt hat.
Früher hätte ich einfach dagesessen. Heute wandert meine Hand fast automatisch zum Handy. Nur kurz schauen. Eine Nachricht beantworten. Ein bisschen scrollen. Und schon ist die Wartezeit gefüllt, glattgezogen, fast ausgelöscht. Man merkt kaum noch, dass man gewartet hat.
Dabei hat Warten etwas Eigenes. Es ist nicht nur Leerlauf. Es ist ein Raum. Einer, in dem man plötzlich mehr wahrnimmt. Das Klirren von Tassen. Das Murmeln am Nachbartisch. Das Licht, das durchs Fenster fällt. Manchmal auch die eigene Ungeduld. Oder diese kleine Frage im Kopf: Bin ich gerade wichtig genug?
Wir warten überall. Im Wartezimmer beim Arzt. Am Bahnsteig, wenn die Anzeige sich wieder verschiebt. An der Supermarktkasse mit einem Korb in der Hand. Im Restaurant, wenn jemand sagt „Bin gleich da“ und es dann doch länger dauert. Und fast überall sieht man Menschen, die den Blick senken. Als wäre Warten ein Fehler, den man sofort korrigieren muss.
Vielleicht ist es aber gar kein Fehler.
Warten kann auch freundlich sein. Eine ungeplante Pause. Ein Moment, in dem niemand etwas von uns will. Keine Aufgabe, kein Gespräch, kein Termin. Nur diese paar Minuten, die wir entweder wegwischen – oder annehmen.
Wenn ich das Handy in der Tasche lasse, wird es erst kurz unruhig in mir. Dann ruhiger. Und irgendwann merke ich: Diese Zeit gehört mir. Ich muss sie nicht füllen. Ich darf einfach sitzen. Atmen. Schauen.
Und wenn die Tür dann doch aufgeht, jemand hereinkommt, sich entschuldigt und wirklich ankommt, fühlt sich dieser Moment bewusster an. Nicht, weil ich beschäftigt war. Sondern weil ich gewartet habe.
Vielleicht probiere ich es beim nächsten Mal wieder. Nicht sofort zum Handy zu greifen. Sondern der Zwischenzeit eine Chance zu geben. Man weiß ja nie, was sie mitbringt.
